Ich mag meine EJZ. Sie ist kritisch, aktuell und in der Regel gut informiert. Sie ist das, was Jens Feuerriegel in seinem Kommentar am 20. September zu Recht einen “Gatekeeper” nennt.

Als Schleusenwärter sehen Redaktion und Verlag der EJZ zahlreiche Themen und Aspekte von Themen an sich vorbeiziehen und entscheiden, was der wendländischen Informationsgesellschaft als Wasser auf die Mühlen gerät.

Diese Schleusenwärter haben ein Großthema allerdings ausgespart: das Internet.

Dieser Nachrichtenkanal hat inzwischen für eine solche Flut von Informationen gesorgt, dass der Gatekeeper Feuerriegel sich zu einem Kommentar genötigt sieht. Damit offenbart er, wie hoch das Wasser steht.

Feuerriegel befindet sich in guter Gesellschaft. Wie den großen Tageszeitungen fehlt auch der EJZ ein rechter Zugang ins Netz. Anders als den anderen großen Verlagen ist es der EJZ bislang erspart geblieben, sich den Irrungen und Wirrungen der Moden, die das Internet nun einmal bestimmen, hinzugeben.

Es gibt keine Diskussionskultur außerhalb der lesenswerten Leserbriefseite. Es gibt keine E-Paper-Version, kein nenneswertes Archiv, keine Video-Varianten und keine Podcasts der aktuellen Berichterstattung.

Das kann durchaus wohl überlegt sein und vielleicht ist es auch gar nicht falsch, dass die EJZ mit ihrer eigenen Berichterstattung kaum im Netz vertreten ist. Ob das gut oder schlecht ist, an dieser Diskussion beteiligen sich die klügsten Köpfe im Mediengeschäft und die ganz großen schwimmen mit den ganz kleinen Fischen im selben trüben Wasser.

Natürlich gibt es Auswüchse, die Feuerriegel zu Recht beklagt. Natürlich gibt es eine tiefe Unsicherheit in der Gesellschaft, in welche Richtung sich der Zug der Informationsgesellschaft bewegt. Aber eines ist sicher: Ein Appell, die EJZ doch lieber auf Papier als am Bildschirm lesen zu wollen, ist nicht die Rolle des Gatekeepers. Es ist die Rolle des Vormundes.

Denn auch diese Rolle nehmen die Medien zweifellos ein. Sie entscheiden über Relevanz und Nachrichtenwert. Sie unterscheiden Altbekanntes von geprüfter Neuigkeit. Dabei entscheiden sie wie selbstverständlich über den Wissensstand der Leserschaft (oder Rezipienten).

Vormund sein ist ein Gewohnheitsrecht des alten Systems. Dieses System verändert sich und mit ihm auch die Möglichkeiten. Das Recht auf Vormundschaft bröckelt. Dieses Recht aufzugeben fällt schwer – schlimm wäre es nicht.

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